Wo Erwachsene sich seit 100 Jahren bildenBericht aus dem Emmendinger Tor vom 04.11.2020

af 5. November 2020

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Am 28. Oktober 1920 veröffentlichte die Volkshochschule Emmendingen ihr erstes Semesterprogramm

Die Emmendnger Karl-Friedrich-Schule in den 1920er-Jahren. Morgens findet in den Klassen der Unterricht für Kinder und Jugendliche statt, abends besuchen die Erwachsenen die Vorträge der Volkshochschule. Ob Politik, Musik, Gesundheit, Heimatkunde oder Astronomie - die Aula ist immer rappelvoll. Nach vier Jahren Krieg sind die Emmendinger hungrig nach Bildung.




Zu Beginn der Weimarer Republik schossen Volkshochschulen wie Pilze aus dem Boden. Der Grund: in der Reichsverfassung war die Förderung des Bildungswesens erstmals gesetzlich verankert worden. In Emmendingen nahm sich ein Arbeitsausschuss um den Kreisschulrat Huber der Gründung einer Volkshochschule zur Erwachsenenbildung an. Am 28. Oktober 2020 wurde das erste Programm veröffentlicht. Es bestand aus 31 Vortragsreihen, die sich von November bis März erstreckten. Teils setzten sie sich aus drei bis fünf Veranstaltungen zusammen.

Rechtsanwalt Kramer dozierte über die „Reichs- und Landesverfassung“, Handelslehrer Hirt referierte über „Deutschlands Abhängigkeit vom Weltmarkt“, der SPD-Reichstagsabgeordnete Riedmiller sprach über die „Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“, Dr. von Tietzen widmete sich „Sexuellen Fragen und Geschlechtskrankheiten“ und Rechtsanwalt Dreyfuß, ein Mitglied der Jüdischen Gemeinde in Emmendingen, sprach über die Wohnungsnot. Interessant: Stadtpfarrer Dr. Seifermann setzte sich mit Astronomie auseinander.

„Man kann sagen, dass die Auswahl der Kursthemen dem damaligen Zeitgeist entsprachen“, sagt Hans-Jörg Jenne. Der Kultur-Fachbereichsleiter der Stadt Emmendingen ist studierter Historiker und bestens mit der Stadtgeschichte vertraut. 100 Jahre nach der Gründung der Volkshochschule öffnete er noch einmal das Archiv. Zum Vorschein kamen einerseits eine große Anzahl an Semesterprogrammen, in denen die einzelnen Kurse und die Dozenten aufgeführt werden. Zum anderen tauchten Festprogramme, Nachweisdokumente für die Behörden und unzählige Zeitungsartikel auf.

Schon vor der Volkshochschule, so Jenne, habe es in der Stadt ein Bildungsangebot für Erwachsene gegeben. Zunächst sei dies jedoch eine Angelegenheit des elitären Bürgertums gewesen. Durch die Gründung der „Emmendinger Lesegesellschaft“ hätten ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts allmählich auch Emmendinger aus einfacheren Verhältnissen einen Zugang zur Erwachsenenbildung erhalten. 1863 sei in der Stadt dann der Arbeiterbildungsverein ins Leben gerufen worden. „Er entstand aus der Arbeiterbewegung heraus und war so etwas wie der Vorläufer der Volkshochschulen“, so Jenne.

Die junge Volkshochschule

Zurück in die Gründungsphase der Volkshochschule Emmendingen. In Scharen strömten Frauen und Männer ab 16 Jahren in die neue Einrichtung. In den 1920er-Jahren besuchten jährlich um die 10.000 Teilnehmer die Kurse. In einer Stadt, die damals 8.000 Einwohner zählte, war dies eine bemerkenswerte Zahl. Die Volkhochschule wurde zu einem festen Bestandteil des Bildungs- und Kulturwesens. Es gab sogar einen eigenen Hörerrat bestehend aus regelmäßigen Teilnehmern. Am Ende jedes Semesters stieg im Bautzensaal stets eine große Schlussfeier mit Vorträgen und Musik. „Die Volksschule soll Dienst am Volke sein, sie soll nicht einzelnen Klassen dienen, sondern der Gesamtheit des Volkes Bildung vermitteln, Bildung, die nicht gleichbedeutend ist mit Schulung“, sagte Leiter Huber im April 1922 in seiner Abschlussrede.

Zum Einsatz kamen damals schon neue Medien. „Die meisten Kurse werden durch Lichtbilder, kinematografische Vorführungen und sonstige Anschauungsmittel erläutert“ stand unter dem zweiten Programm von 1921/22. Für das Semester hatte man sich sogar einen eigenen Filmapparat angeschafft. Die Teilnehmer bekam also einiges geboten – und das für relativ wenig Geld. Zehn Reichsmark kostete das Semesterticket, jedes weitere Familienmitglied bezahlte die Hälfte. Der Besuch einer einzelnen Veranstaltung kostete eine Mark. Zum Vergleich: ein Brot bekam man zu dieser Zeit für etwa drei Reichsmark.

Ein Jahr später, also 1922/23 musste man für das Semesterticket schon 30 Mark berappen. Grund war die galoppierende Inflation. 37 Kurse bot die Volkshochschule in diesem Winter an. Das Programm widmete sich Themen wie der Mundhygiene, der Geschichte der Flugkunst (beide Dr. Schifferdecker), Esperanto (Kaufmann Döring), Kometen und Meteoren (Stadtpfarrer Seifermann), „Wirtschaftliche Bedeutung der uns durch den Friedensvertrag entzogenen Landesteile“ (Anwalt Kramer) oder „deutsche Schundliteratur“ (Realschuldirektor Ganter aus Kenzingen).

Fünf Jahre später stand die Abschlussfeier im Zeichen des 100. Todestages von Ludwig van Beethoven an. Ein Ensemble um Anna (Sopran) und Otto Schieck (Leiter und Klavier) präsentierte dazu passend ein Konzert mit Werken des Komponisten. 1932 widmete man sich an gleicher Stelle Goethe. Anlass war dessen 100. Todestag. Aufgeführt wurden unter anderem Stücke aus dem Gesangsepos „Hermann & Dorothea“, das angeblich in der Stadt spielt. Es war die letzte Abschlussfeier, bevor die Volkshochschule im Jahr 1933 von den Nationalsozialisten geschlossen wurde. „Natürlich hatten auch die Nazis eigene Vorträge für Erwachsene – sie waren gleichgeschalten und sehr ideologisch geprägt“, erklärt Jenne.

Das Volksbildungswerk

Nach dem 2. Weltkrieg wurde die Einrichtung am 3. Oktober 1947 unter Stadtpfarrer Josef Hermann Maier wiedergegründet. Die französischen Besatzer gaben ihr Einverständnis. Die einstige Volkshochschule hieß fortan Volksbildungswerk. Das Programm bot zunächst nur wenige Kurse, stattdessen gab es viel Kultur. Im Sommer 1949 beteiligte man sich an der mehrtägigen Goethe-Festwoche. In der damaligen Goethehalle – heute Tanzschule neben dem Stadttor – organisierte die Einrichtung eine Festsitzung mit einem Vortrag von Dr. Schulz aus Heidelberg. Er sprach über „Goethe am Oberrhein“. Natürlich wurde dazu musiziert. Ein Jahr später gründete das Volksbildungswerk ein eigenes Kammerorchester.

In den 1950er-Jahren wurde das Kursangebot wieder umfangreicher. Das Programm im Winterhalbjahr 1957/58 bestand aus 23 Einzelvorträgen, Veranstaltungen und Konzerten. Meist wurden sie am Donnerstagabend durchgeführt. Sie trugen Titel wie „Das Rußlandbild einst und jetzt“, „Das Problem des Nationalstaats und der europäische Gedanke“ oder „Was hat der Westen dem Osten geistig entgegenzusetzen?“. Zudem gab es 17 Vortragsreihen, Arbeitsgemeinschaften und Kurse zu Themen wie Maschinenschreiben, Buchhaltung und Kurzschrift oder auch Gitarrenunterricht. Angeboten wurden außerdem Sprachkurse in Französisch, Englisch und Italienisch.

„Anfang der 1960er-Jahre stieß die Einrichtung organisatorisch und finanziell an ihre Grenzen, denn noch immer wurde sie ehrenamtlich getragen“, so Jenne. Die Zeit war also reif für die Schaffung professioneller Strukturen. Die Kirche und die Kommunen stiegen ein. 1961 übernahm der Gymnasiallehrer Fritz Kölsch – er erfand übrigens die Fasnachtsfigur „Emmendinger Hansele“ - die Stelle des Leiters. Ihm überstellt war ein Aufsichtsrat bestehend aus dem katholischen Stadtpfarrer, dem evangelischen Dekan sowie Vertretern des Landratsamtes, der Stadt und der Hörerschaft. Weil Kreis und Kommune um den Wert des Volksbildungswerks wussten, flossen Zuschüsse. Außerdem konnten staatliche Mittel beantragt werden.

Im Winter 1962/63 bestand das Programm erstmals aus vier Sparten – nämlich Vorträge und Konzerte (u.a. „Buddha, Mohammed, Christus oder gar kein Gott?“ mit Dekan Hörner), Arbeitsgemeinschaften, Sprachkurse und Studienfahrten. Letztere führten erstmals „Zu Kunststätten und zur Tulpenblüte nach Holland“ und „Zu Kunststätten in Pisa, Rom, Assisi und Ravenna“. Fünf Mark bezahlte ein Erwachsener für ein Semesterticket. Damit konnte man alle Vorträge und Konzerte besuchen. Im Herbst 1970 feierte das Volksbildungswerk sein 50-jähriges Jubiläum.

Der Zweckverband

1973 gab es die ersten Überlegungen, mehrere Volkshochschulen im Landkreis zu einem Zweckverband „Volkshochschule Nördlicher Breisgau“ zusammenzuführen. Emmendingens OB Karl Faller forcierte die Idee. Zehn Gemeinden – nämlich Emmendingen, Denzlingen, Freiamt, Köndringen, Nimburg, Reute, Sexau, Teningen, Vörstetten und Wasser – stiegen ein. Nach der Gründung des Zweckverbandes im Mai 1974 bekam Franz Nübling aus Denzlingen den Posten des Leiters. Er bezog die neue Geschäftsstelle in der Freiburger Straße 2 in Emmendingen. Später zog er mit seinem Team in das ehemalige Sparkassen-Gebäude am kleinen Marktplatz.

In den 1980er-Jahren gab es zwei wichtige Ereignisse. Zum einen strebten die Gemeinden Bahlingen, Freiamt und Kenzingen einen Austritt aus dem Zweckverband an. Jedoch wurde dies abgelehnt. Zum anderen brannte 1989 das VHS-Gebäude am kleinen Marktplatz aus. Nach langen Diskussionen, wie es weitergehen könnte, fand man einen neuen Standort im Alten Pfarrhaus in der Kirchstraße. Von dort aus ging es 2008 schließlich in das Haus am Gaswerk, in dessen Nachbarschaft 2016 ein Neubau für die ebenfalls zum Zweckverband gehörende Musikschule errichtet werden.

Die Gegenwart

Heute besteht der Zweckverband Musikschule/Volkshochschule aus zwölf Mitgliedsgemeinden. Sowohl am Hauptsitz in Emmendingen als auch in den Außenstellen 2019 über 1.200 Kurse, Vorträge, Exkursionen und sonstige Veranstaltungen angeboten. Trotz Corona sind es im aktuellen Semester immerhin noch knapp über 1.000. Aufgeteilt sind sie in die Bereiche „Politik, Gesellschaft & Umwelt“, „Kultur & Gestalten“, „Gesundheit“ „Sprachen“, „Arbeit & Beruf“ sowie „Grund- und Elementarbildung“.

Inhaltlich bleiben Dr. Ralf Karl Oenning und sein Team am Puls der Zeit. Das VHS-Gebäude hat einen Aufzug erhalten und ist damit barrierefrei erreichbar. In den Kursen selbst geht es um Fragen des Zusammenlebens in der Kommune und in Deutschland, aber auch zum Zusammenhalt in Europa und der Welt. Wie geht man mit wachsender Ungleichheit durch Alters- und Einkommensarmut um? Was bedeutet die voranschreitende Digitalisierung für das Zusammenleben? Welchen Einfluss hat der Klimawandel?

„Die VHS leistet nach wie vor sehr gute Bildungsarbeit“, lobt Hans-Jörg Jenne. Die Einrichtung gehe mit der Zeit und stellt Jahr für Jahr ein tolles Angebot auf die Beine. Mit der Durchführung der Integrationskurse für geflüchtete Menschen leiste sie seit einigen Jahren einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft. Ein Problem, so der Kultur-Fachbereichsleiter, sei jedoch geblieben. „Noch immer leidet die Einrichtung unter Raumnot – gerade in der Corona-Zeit wird dies wieder sehr deutlich“, so Jenne.


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